Die Versicherung der Verunsicherung

Design Thinking im Jahr 1750 –
Eine besondere Gründungsgeschichte

Die Geschichte der VGH Versicherungen ist eine Geschichte der Unsicherheit.
Im Zentrum steht dabei der Kunde, der zunächst noch nicht Kunde ist, sondern noch unwissender Leidtragender. Bisweilen hat er noch keine Vorstellung davon, was die Idee des Universalgenies Leibniz, nämlich das Leid des Einzelnen auf eine Gesamtheit zu verteilen, für elementare Auswirkungen auf das eigene Leben haben wird.

Doch der Reihe nach!

Die Geschichte beginnt in der Mitte der 1740er Jahre. Der damalige Grundbesitzer und Abt zu Loccum, Ebell, beobachtet immer wieder das gleiche erschütternde Schauspiel: Jeden Sommer, wenn die Bauern ihre Heuernte einfahren und im Schober verstauen, häufen sich die Brände auf dem Land. Die Ursache ist klar: Feuer durch Selbstentzündung.
Für die betroffenen Familien eine Tragödie mit meist schrecklichem Ausgang, denn wer Haus und Hof durch den Brand verlor, bekam im besten Fall einen Brandbettelbrief und durfte fortan seine Existenz durch die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen sichern.

Da ist nun also dieser Grundbesitzer, der helfen will. Aber wie?
Die Antwort scheint uns heute naheliegend. Es brennt – wir löschen!

Nun wollte der Grundbesitzer aber effizient und innovativ sein und hätte aus seinem gewohnten evolutionären Problemlösungsverständnis heraus wohl naheliegender Weise einen Feuerlöscher erfunden. Vielleicht hätte er auch eine Brandschutzverordnung erlassen oder das generelle Entzünden von Feuer verbieten kšnnen. Es war ja schließlich sein Grund und Boden.

Aber nichts von alledem hat er letztlich gemacht. Stattdessen hat er sich seine betroffenen Pächter ganz genau angeschaut und eine bahnbrechende Entdeckung gemacht. Zu seinem Erstaunen hatten die betroffenen Bauern keine übermäßige Angst vor dem Feuer. Im Gegenteil: Feuer war zentraler Lebensmittelpunkt und überaus nützlich beim Kochen, Backen und Heizen.
Die unmittelbare Verunsicherung und die daraus resultierende Angst entstanden durch etwas anderes, nämlich den durch einen Brand drohenden Verlust der eigenen Existenz. Diese Existenzangst hatte aber ursächlich nicht allein mit dem Feuer zu tun, sondern konnte höchstens dadurch ausgelöst werden, genauso wie durch Dürre, Überschwemmung, Sturm und andere Naturereignisse.

Die Quintessenz scheint naheliegend und ist doch denkbar abstrakt.

Der Grundbesitzer, Abt Ebell, gründet mit einiger Unterstützung die Calenberger Brandassecurations-Sozietät, eine der ersten funktionstüchtigen Brandkassen der Welt. Eine explorative statt einer evolutionären Innovation.

Aus heutiger Sicht ein fast 300 Jahre alter, historischer Hut und doch eine so unermesslich schwere Herausforderung für alle, die über Generationen gelernt haben, vornehmlich auf Erfahrungen zu bauen, um Neues zu entwickeln.

Die Versicherung war gegründet und hat die Unsicherheit der Menschen maximal reduziert, denn diese Unsicherheit wurde auf die Versicherung übertragen. Und das, obgleich es nach der Gründung der Brandkasse genauso oft gebrannt hat wie vorher, nur musste nun niemand mehr existenzielle Angst vor einem Feuer haben. Eine explorative Innovation mit Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Steve Jobs hätte sicher jubiliert.

Über den Autor

Roger Cericius

LABORANT & EXPEDITIONSLEITER

Roger Cericius ist als Geschäftsführer der Denk- und Innovationsplattform FUTUR X GmbH seit Jahren Laborant und Expeditionsleiter für Innovationsentwicklungsprojekte und Strukturentwicklung für zahlreiche deutsche Unternehmen. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Mobilitätsthemen, Projekte im Bereich der Digitalisierung von Lebens- und Wohnräumen, die Entwicklung technologiebasierter Lösungen für analoge Abläufe und vor allem, die Entwicklung von Beteiligungsformaten im Bereich der Personalentwicklung und Qualifizierung. Die FUTUR X Projekte und Formate folgen in der Zusammenarbeit mit Kunden stets dem Prinzip der Losgröße 1 und damit der Anpassung an die Anforderungen der Unternehmens- und Kundenbedürfnisse. Als charismatischer Redner mit einem großen Netzwerk ist Roger bei innotonic zuständig für Vertrieb und PR.

Roger Cericius ist verheiratet und hat einen Sohn. Er lebt am Deister in Sichtweite seiner Geburtsstadt Hannover – Seine Leidenschaft gilt dem Ehrenamt, der Kirche, dem Wassersport und in Anlehnung an seine Zeit im Knabenchor, der geistlichen Musik.

hello@innotonic.de

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