Growth Mindset, Fixed Mindset und der ISO 56002

Roger Cericius

Was das Growth Mindset mit dem internationalen Standard für Innovationsmanagement zu tun hat? Eine ganze Menge. Und am Ende auch unser Zertifizierungskurs ›Innovationsmanager:in‹. Doch von vorn:

Mindset-Imperativ?

Mindset wird gerne mit Mentalität oder Geisteshaltung übersetzt. Irgendwie deutet sich im Begriff des Mindset ganz pragmatisch ein Set, ein Kartensatz von Fähigkeiten an, den es heute scheinbar so unbedingt braucht. Ein ›Open Mindset‹ sollte es sein, oder ein ›Creative Mindset‹ – ohne gleich dem Kreativitätsimperativ (Andreas Reckwitz, 2012) zu erliegen –, ein ›Entrepreneurial Mindset‹ bitte auch, wenn man nicht überholte Bilder der Gründerzeit von einst mit Unternehmergeist übersetzen mag. Wes Geistes Kind man also ist bzw. welche mit Future Skills ausgestattete Fachkraft wir sein sollten, drücken wir am liebsten als Mindset aus. Geisteshaltung klingt so angestrengt und anstrengend.

Growth Mindset

Damit hatte die amerikanische Psychologie-Professorin Carol Dweck vermutlich nicht gerechnet, als sie sich in ihren Studien der Motivation- und Entwicklungspsychologie dem ›Mindset‹ des Menschen verschrieb: Ihr fiel auf, dass Schüler:innen angesichts nahezu unlösbarer Aufgaben selten frustriert waren und sich gern dem Tüfteln, Experimentieren, Probieren hingaben. Die Stanford-Professorin Dweck wollte genauer wissen, was das für eine Haltung ist, wo sie herkommt und was es für Folgen hat, wenn sich Menschen mit dieser Mentalität schwierigen Aufgaben stellen. So erforschte Carol Dweck über Jahre die Haltung des sog. Growth-Mindset.

Wenn wir in Deutschland dies ›Growth-Mindset‹ als wachstumsorientierte Haltung übersetzen, sollten wir das nicht mit Wirtschaftswachstum und der bedingten Ausbeutung unseres Planeten verwechseln: »Klassische Ökonomen haben überhaupt nie von Wachstum geredet.« (Harald Welzer, 2021). Vielmehr geht es beim ›Growth Mindset‹ darum, bewusst unsere Haltung so zu ändern, dass wir virtuoser, mutiger und effektiver die Möglichkeiten unseres Geistes einzusetzen in der Lage sind. Eine Haltung, die heute manch Wirtschaftswachstums-Ökonomen zu wünsche wäre.

 

Ergebnispräsentation

Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin, dass du dein Leben ändern kannst, indem du deine Geisteshaltung änderst.

Albert Schweitzer

Carol Dwecks Studien

Dwecks Studien zeigen eindrucksvoll die Macht unserer grundlegenden Überzeugungen. Ob bewusst oder unbewusst: sie beeinflussen uns Menschen stark in dem, was wir wollen und ob und wie es uns gelingt, es zu bekommen. Carol Dweck macht Denkweisen aus, die uns antreiben und andere, die uns daran hindern, unser Potenzial auszuschöpfen. Diese Denkweisen, prägen unsere Perspektive auf alles und ebenso unser Selbstbild.

Das Growth-Mindset wird oft auch als ›Wachstumsdenken‹ oder ›dynamic intelligence‹ bezeichnet. Wer ein ›Growth-Mindset‹ hat, will

  • sich und seine Fähigkeiten weiterentwickeln können,
  • lernen und mehr erfahren,
  • und sieht Fehler als Chance, sich weiterzuentwickeln.
Handlungsprinzipien

Fixed Mindset

Das ›Growth-Mindset‹ hat als ›dynamisches Selbstbild‹ ein Gegenüber: ein ›statisches Selbstbild‹ dem ein gewissermaßen ›statisches Denken‹ zu eigen ist. Dieses Selbstbild nennt Carol Dweck ›Fixed Mindset‹. Dies statische Denken …

  • meint, dass das eigene Können rein vom Talent abhängt,
  • lernt (lediglich), um positives Feedback zu bekommen und
  • sieht Fehler als Bedrohung und Abwertung der eigenen Person.

Diese sogenannte ›static intelligence‹ stärkt das Bestreben, klug wirken zu wollen und neigt dazu

  • Herausforderungen zu vermeiden,
  • schnell aufzugeben,
  • Anstrengungen als vergeblich zu interpretieren,
  • Kritik zu ignorieren,
  • den Erfolg anderer als Bedrohung anzusehen.
ISO 56002 Dimensionen

Growth Mindset und Innovationsmanagement

Eine ›dynamic intelligence‹ wird Personen mit einem ›Growth-Mindset‹ gehen mit Herausforderungen, Anstrengungen und Kritik anders um. Sie zeichnet eine Lernlust aus, die dazu führt, dass

  • man sich Herausforderungen stellt,
  • das Handeln von Durchhaltewillen geprägt ist,
  • Anstrengungen zur wahren Könnerschaft führen,
  • in Kritik und Fehlern viel Potenzial zur Verbesserung steckt und
  • die Erfolge Anderer beispielhafte Inspirationsquellen sind.

Fünf Aspekte also, die die beiden Mindsets herausfordern und deren Antworten je nach Neigung deutlich unterschiedlich sind. Der ISO 56002 indes definiert sieben Dimensionen, die das ›Innovation-Mindset‹ eines Unternehmens beschreiben (Abbildung links). Es dürfte wenig überraschend sein, dass ein Growth Mindset für die Entwicklung von Innovationen essentiell ist. Als Beleg für diese Behauptung kann angeführt werden, dass sich der Umgang mit den o.g. 5 Aspekten in den sieben Dimensionen wiederfindet. Auch wenn der Standard nicht das ›Wie‹ sondern nur das ›Was‹ definiert, das Growth Mindset schlägt eine gute Brücke zwischen dem Wie und Was:

  • Herausforderungen sind wesentlicher Bestandteil der Dimension ›Prozess‹: ohne eine Herausforderung, ohne ein Problem, gibt es keine Idee, keine Lösung.
  • Hindernisse tauchen wesentlich in gleich zwei Dimensionen auf: in der ›Planung‹ (Ressourcen) und auch in dem ›Prozess‹.
  • Auch Anstrengung bedarf es in vielen Dimensionen: sicher erneut und besonders im ›Prozess‹, in der ›Planung‹ und in der Dimension ›Führung‹.
  • Kritik ist essentiell in der Dimension ›Leistungsmessung‹ und ›Verbesserung‹.
  • Inspiration und Ansporn finden Unternehmen in den Dimensionen ›Organisationskontext‹ und ›Unterstützung‹.

Weiterbildung im ›Zertifizierungskurs Innovationsmanager:in‹

Die Innotonic Akademie bietet zusammen mit der Hochschule Hannover einen Kurs zum/r zertifizierten Innovationsmanager/in nach ISO 56002 an. Bilden Sie sich weiter und werden Sie Spezialist:in im Innovationsmanagement! Vor allem aber: spüren Sie was die Dimensionen des Standards mit dem dynamischen Denken zu tun haben, lernen Sie wie Ihre Organisation zu einem dynamischen Innovationsort werden kann.

In den Modulen unserer Kursangebotes können Sie Ihr ›Growth-Mindset‹ pflegen und entwickeln. Mit einem Einstieg über Kreativität, den Grundstrebungen des Menschen im allgemeinen und der Kreativen im Speziellen, sowie einem Schnellkurs in Design Thinking bietet die innotonic Akademie ein einzigartiges Schulungsangebot im deutschsprachigen Raum.

Melden Sie sich zum nächsten Kurs an: schon am 25. Februar beginnt der Sommerkurs 2022! Für weiterführende Informationen rufen Sie uns an oder laden Sie sich das Studienbuch für den Sommers mit allen Terminen herunter.

Über den Autor

Prof. Gunnar Spellmeyer

IDEENGEBER, NACHFRAGER, ENERGIEERZEUGER

Gunnar Spellmeyer kennt als Professor für Industrial Design Entwurf und als Entrepreneurshipcoach die Genese einer Idee hin zu einer Innovation. Und er kennt die Hindernisse, die Hürden in Organisationen für Erfindungen und auch das frühe Scheitern von Innovationen. Mehr als 30 Jahre Erfahrung als Designer, über 20 Jahre Expertise in Forschung und Lehre, mehr als 10 Jahre als Design Thinking Profi: es scheint ihm, als könne ihn nichts mehr überraschen. Und doch begegnet er immer wieder neu und neugierig dem Zauber von Kreation und Innovation.

Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet, millionenfach verkauft oder finden sich in einigen Museen wieder. Auch seine partizipatorischen Innovations-Formate im Sinne der Transformation, des Kulturwandels in Unternehmungen oder Organisationen wurden ausgezeichnet. Gunnar ist der kreative Kopf von innotonic, vor und hinter den Kulissen.

Gunnar Spellmeyer lebt mit einer Theologin in Wennigsen und hat drei Töchter. Der nahe Deister erinnert ihn an seine Osnabrücker Heimat und ist ›Ladestation‹ nach seinen vielen internationalen Workshops.

hello@innotonic.de

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