Corona, Issey & Elisabeth

Schock

Schock

Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945 ist eine Katastrophe der Menschheit. Sie war ein Schock für Millionen Menschen und eine Tragödie für viele, einzelne Unschuldige. Issey, ein siebenjähriger Junge, verlor viele Familienmitglieder und drei Jahre nach Abwurf der Bombe seine Mutter an den Folgen der Strahlenkrankheit. Issey selbst entwickelte eine Knochenmarkskrankheit, an der er noch heute leidet. In den Tagen des Schmerzes und Verlustes, der persönlichen Katastrophe, fasste der Junge einen beutenden und beachtlichen Entschluss: fortan wolle er sich nur noch den schönen Dingen widmen. Mit großer schöpferischer Hingabe verschrieb er sich der Ästhetik und ist heute Japans bekanntester Modedesigner und Gründer der nach ihm benannten innovativen Modemarke: Issey Miyake.1

Was für ein Leid hat Issey tragen müssen und welche Kraft hat er entwickelt! Welch unbändige Energie für das Schöne, wo doch Zerstörung und Grausamkeit den Jungen geprägt haben müssen. Issey Miyake legte eine faszinierende Haltung an den Tag – und lebte eine mehr als beachtliche Einstellung über Jahre seines Schaffens.

Verneinung

Elisabeth war eine schweizerisch-amerikanische Psychiaterin und Sterbeforscherin. Anders als viele ihrer ärztlichen Kollegen besuchte sie todkranke Patienten und sprach mit ihnen. Dabei wollte die Forscherin von den Sterbenden lernen: welche Hilfe diese sich wünschen und welchen Umgang sie möchten. Elisabeth Kübler-Ross tat dies gegen Widerstände ihres Kollegiums, doch ihr Engagement für Sterbende verstand sie als Berufung.2 Die Interviewten selbst waren laut der Pionierin der Sterbeforschung dankbar für diese Zuwendung.

Die psychologischen Erkenntnisse aus den teilweise erschütternden Gesprächen halfen der Wissenschaft und auch Angehörigen die Gefühls- und Verhaltensmuster todkranker Personen zu verstehen. Kern ihres Buchs ›Interviews mit Sterbenden‹ ist ein Phasenmodell des Sterbens, mit dem die Sterbeforscherin die fünf Phasen des Sterbens beschreibt.3 Für ihre Arbeit erhielt Kübler-Ross zahlreiche Ehrendoktorwürden anerkannter Universitäten, obwohl Kritiker die fehlende Wissenschaftlichkeit bemängeln oder das Phasenmodell als zu statisch, als deskriptiv und nicht präskriptiv empfinden – oder verstehen. Kritisch wurde auch gesehen, dass Kübler-Ross mit fortschreitendem Alter sich Geistheilern anschloss, mehr und mehr der Esoterik zuwandte und zweifelhafte Behauptungen (z.B. ›Instant-Erleuchtungen‹) verbreitete. Nach Schlaganfällen und Lähmungen haderte die todkranke Sterbeforscherin mit Ihrem Schicksal und wollte den nahenden Tod verneinen. Wider besseren Wissens möchte man meinen.

Einsicht

Zwei berührende Lebenswege: Ersterer geprägt von einem besonderen Maß an Einstellungs- oder besser ›Adaptionskompetenz‹ und viel Kreativität. Letzterer geprägt vom Gefühl berufen zu sein, mit Durchhaltevermögen gegen Widerstände für das vermeintlich Richtige einstehend. Dabei wertschätzend und emphatisch Phasen des Wandels erforschen und verstehen wollend.

In Zeiten der Transformation, diesem vagen Zwischenzustand, der den Wandel verlangt und der uns ins Müssen versetzt, könnte es zunächst verwundern, dass das Phasenmodell des Sterbens zum Modell der sog. Change-Curve wurde. Jedoch: Ob Sterbephasen oder Change-Curve – zu Beginn steht der Schock, ein Erstarren, ein Leugnen der Tatsachen. Gefolgt von einem Zorn dem Ereignis gegenüber, einem Querstellen (übrigens nicht: querdenken), einem Verneinen der Realität. Mit der Zeit stellt sich die Einsicht ein: die Veränderung betrifft mich und uns, und ist nicht mehr abzuwenden. In den Phasen der Change-Curve folgt die Akzeptanz, die immer noch von Trauer und Abschied gekennzeichnet ist. Der Trauer muss der nötige Raum gegeben werden, um offen für Neues zu sein. Der Phase des Ausprobierens folgt die Annahme des Neuen, einhergehend mit der Erkenntnis, dass der Wandel doch auch gute Seiten hat.

Die Kritik an Kübler-Ross ›Sterbephasen‹ nährt auch die Kritik an der Change-Curve: Fehlende Wissenschaftlichkeit, statische Sicht, Missachtung unterschiedlicher und individueller Emotionen bei Betroffenen, um nur ein paar Stimmen wiederzugeben. Die Kritik ist durchaus auch nachvollziehbar, schmälert in meinen Augen allerdings nicht das Ergebnis, das gute und wichtige Orientierung bietet. Für die weiteren Ausführungen ist die Kritik selbst nicht entscheidend.

Katastrophen, Sterben, Leid … braucht es solch heftige Krisen, damit wir bereit für den Wandel sind?

Deutschland geht es – sicher den Umständen entsprechend – noch gut. Wir hatten Jahre des Wohlstandes, des Wachstums und der annähernden Vollbeschäftigung. Auch noch nach der ersten Corona-Welle stand die deutsche Wirtschaft relativ gut da, wir blicken in satte Gesichter. Der Autor, Unternehmer und Speaker Philipp Depiereux fordert »Legt eure Saturiertheit ab!«4 und will Mut machen, sich dem Wandel zu stellen und das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Nach einem Jahr im Lockdown und einer weltweiten Katastrophe, wie wir sie seit 1945 nicht erlebt haben, erleben wir, wie ganze Branchen noch immer die Realität verneinen und Öffnung oder Hilfen einfordern, wo Mutanten die Verbreitung des Virus beschleunigen und die Anzahl der Toten bereits jetzt ein gewaltiges Ausmaß erreicht hat. Verbandsobere tun anscheinend, was sie meinen zu müssen: Von ganz oben Hilfen fordern. Was wäre, wenn jetzt die Realität anerkannt und nicht geleugnet werden würde, wenn Kreativität den Menschen zu eigen und vor allem den Organisationen die Governance des Kreativen ein leichtes wäre? Wenn die Prozesse der Innovation bekannt und abgestimmt, frei und wirr drehend, zugleich im Takt wippend laufen würden?

Niemand muss warten bis die Bombe einschlägt, um die Welt wieder mit dem Schönen zu beglücken, um Neues aufzubauen und Innovation wahr zu machen. Wir wissen mittlerweile genug über die Prozesse des Wandels, über mögliche Gegenwehr, über die Neigung zur Bequemlichkeit unserer eigenen Denkstube und wir wissen auch, wie wir zusätzlich zu den Prozessen Menschen, Abteilungen, Projektgruppen und Unternehmen ins Wollen bringen.

Erfreuliche Daten liefert eine KfW-Studie, die dem Mittelstand in weiten Teilen bescheinigt, ideenreich auf die Corona-Krise zu reagieren. »Mit 57% haben besonders häufig jene Unternehmen Corona-bedingte Anpassungen vorgenommen, die bereits in der Vergangenheit Innovationen hervorgebracht haben. Dies unterstreicht, dass die Fähigkeit, Innovationen zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen, die Unternehmen auch dazu befähigt, kurzfristig auf Krisensituationen zu reagieren. Innovative Unternehmen sind krisenfester als nicht-innovative Unternehmen.«

Der globale Standard für Innovationsmanagement klärt dabei das Zusammenspiel der notwendigen Kräfte für die Umsetzung einer Idee hin zur Innovation. Der Standard ist somit die ideale Leitlinie für jene, die ihren Ideen verlässlichere Umsetzungschancen wünschen oder ihre Unternehmung überhaupt erst einer Analyse bzgl. Ihrer Innovationsfähigkeit unterziehen möchten.

Literaturhinweise/Quellen

1. http://fashion.telegraph.co.uk/news-features/TMG8018669/Issey-Miyake-interview.html

2. https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Kübler-Ross abgerufen am 5.3.2021

3. Kübler-Ross, Elisabeth – Interviews mit Sterbenden, 1971

4. Depiereux, Philipp; Weltmutführer – 2020; Seite 115 ff.

5. Dr. Zimmermann, Volker, KfW Research; KfW-Mittelstandsbericht 2019

Über den Autor

Prof. Gunnar Spellmeyer

IDEENGEBER, NACHFRAGER, ENERGIEERZEUGER

Gunnar Spellmeyer kennt als Professor für Industrial Design Entwurf und als Entrepreneurshipcoach die Genese einer Idee hin zu einer Innovation. Und er kennt die Hindernisse, die Hürden in Organisationen für Erfindungen und auch das frühe Scheitern von Innovationen. Mehr als 30 Jahre Erfahrung als Designer, über 20 Jahre Expertise in Forschung und Lehre, mehr als 10 Jahre als Design Thinking Profi: es scheint ihm, als könne ihn nichts mehr überraschen. Und doch begegnet er immer wieder neu und neugierig dem Zauber von Kreation und Innovation.

Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet, millionenfach verkauft oder finden sich in einigen Museen wieder. Auch seine partizipatorischen Innovations-Formate im Sinne der Transformation, des Kulturwandels in Unternehmungen oder Organisationen wurden ausgezeichnet. Gunnar ist der kreative Kopf von innotonic, vor und hinter den Kulissen.

Gunnar Spellmeyer lebt mit einer Theologin in Wennigsen und hat drei Töchter. Der nahe Deister erinnert ihn an seine Osnabrücker Heimat und ist ›Ladestation‹ nach seinen vielen internationalen Workshops.

hello@innotonic.de

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